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Vierte Katechese über den Hl. Apostel Paulus von Papst Benedikt XVI. PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Mag. Jair Viloria   
Freitag, 12. September 2008 06:48

Liebe Brüder und Schwestern!

Am vergangenen Mittwoch habe ich über die große Wende gesprochen, die sich im Leben des heilige Paulus nach seiner Begegnung mit Christus zugetragen hat. Jesus trat in sein Leben ein und machte den Verfolger zum Apostel. Jene Begegnung markierte den Beginn seiner Sendung: Paulus konnte nicht so weiterleben wie vorher; jetzt fühlte er sich vom Herrn mit dem Auftrag versehen, sein Evangelium als Apostel zu verkünden.

Gerade über diese seine neue Lebensform, das heißt über sein Sein als Apostel Christi, möchte ich heute sprechen. Normalerweise identifizieren wir dem Evangelium folgend die Zwölf mit dem Titel „Apostel“ und beabsichtigen so jene anzuzeigen, die die Gefährten im Leben und die Hörer der Lehre Jesu waren. Aber auch Paulus empfindet sich als wahrer Apostel, und es tritt daher deutlich zutage, dass sich der paulinische Begriff des Apostolats nicht auf die Gruppe der Zwölf beschränkt. Natürlich versteht es Paulus wohl, seinen eigenen Fall von jenem derer zu unterscheiden, die „vor ihm Apostel waren“ (vgl. Gal 1,17): ihnen wird ein ganz besonderer Platz im Leben der Kirche zuerkannt. Und dennoch: wie alle wissen, interpretiert Paulus sich selbst als Apostel im engen Sinn. Gewiss ist, dass keiner zur Zeit der Anfänge des Christentums so viele Kilometer hinter sich brachte wie er, zu Land und zu Wasser, mit dem einzigen Ziel, das Evangelium zu verkünden.

Er hatte also einen Begriff von Apostolat, der über jenen hinausging, der nur an die Gruppe der Zwölf gebunden war und vor allem vom heiligen Lukas in der Apostelgeschichte überliefert ist (vgl. Apg 1,2.26; 6,2). In der Tat, im ersten Brief an die Korinther unterscheidet Paulus zwischen „den Zwölf“ und „allen Aposteln“, die als zwei unterschiedliche Gruppen erwähnt werden, denen die Erscheinungen des Auferstandenen zuteil wurden (vgl. 14,5.7). Im selben Text geht er dann dazu über, sich selbst demütig als den „geringsten von den Aposteln“ zu bezeichnen und sich dabei sogar mit einer Missgeburt zu vergleichen und wörtlich zu behaupten: „Ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir“ (1 Kor 15,9-10). Die Metapher von der Missgeburt bringt eine äußerste Demut zum Ausdruck; sie wird sich auch im Brief an die Römer des heiligen Ignatius von Antiochia finden: „Ich bin der letzte von allen, ich bin eine Missgeburt; aber mir wird es gestattet sein, etwas zu sein, wenn ich Gott erreichen werde“ (9,2). Das, was der Bischof von Antiochia hinsichtlich seines bevorstehenden Martyriums sagen wird, wobei er voraussieht, dass es sein unwürdiges Sein umwerfen wird, sagt der heilige Paulus hinsichtlich seines apostolischen Einsatzes: in ihm zeigt sich die Fruchtbarkeit der Gnade Gottes, die es versteht, einen schlecht gelungenen Menschen in einen wunderbaren Apostel zu verwandeln. Vom Verfolger zum Gründer von Kirchen: das hat Gott in einem gewirkt, der unter dem Gesichtspunkt des Evangeliums als ein Ausschuss angesehen hätte werden können!

Was ist also nach der Konzeption des heiligen Paulus das, was aus ihm und anderen einen Apostel macht? In seinen Briefen treten drei Hauptmerkmale hervor, die einen Apostel ausmachen. Erstens muss er „den Herrn gesehen“ haben (vgl. 1 Kor 9,1), das heißt er muss mit ihm eine Begegnung gehabt haben, die für sein Leben bestimmend war. In ähnlicher Weise wird er im Brief an die Galater (vgl. 1,15-16) sagen, durch die Gnade Gotte mit der Offenbarung seines Sohnes für die Verkündigung der Frohbotschaft an die Heiden berufen, ja fast auserwählt worden zu sein. Letztendlich ist es der Herr, der einen zum Apostel macht, nicht die eigene Anmaßung. Der Apostel macht sich nicht allein dazu, sondern wird dazu vom Herrn gemacht: der Apostel muss somit ständig in eine Beziehung mit dem Herrn treten. Nicht umsonst sagt Paulus, „zum Apostel berufen“ zu sein (vgl. Röm 1,1), das heißt „nicht von Menschen oder durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und durch Gott, den Vater“ (Gal 1,1). Dies ist das erste Merkmal: den Herrn gesehen zu haben, von ihm berufen zu sein.

Die zweite Charakteristik besteht darin, „ausgesandt worden zu sein“. Das griechische Wort apóstolos bedeutet eben „Ausgesandter, Geschickter“, das heißt Bote oder Überbringer einer Botschaft; er muss somit als Beauftragter oder Vertreter eines Auftraggebers handeln. Aus diesem Grund definiert sich Paulus als „Apostel Christi Jesu“ (1 Kor 1,1; 2 Kor 1,1), das heißt als sein Delegierter, der ganz in seinem Dienst steht, so sehr, dass er sich auch „Knecht Christi Jesu“ nennt (Röm 1,1). Wieder tritt die Vorstellung der Initiative durch einen anderen in den Vordergrund, die Initiative Gottes in Jesus Christus, dem gegenüber man völlig in der Pflicht steht; vor allem aber wird die Tatsache hervorgehoben, dass von ihm eine Sendung empfangen wurde, die in seinem Namen zu erfüllen ist, während jedes persönliche Interesse absolut in den Hintergrund zu treten hat.

Die dritte Voraussetzung besteht in der Tätigkeit der „Verkündigung des Evangeliums“ mit der anschließenden Gründung von Kirchen. „Apostel“ nämlich kann und darf kein reiner Ehrentitel sein. Er nimmt konkret und auch auf dramatische Weise das ganze Dasein des Betroffenen in die Pflicht. Im ersten Brief an die Korinther ruft Paulus aus: „Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen? Seid ihr nicht mein Werk im Herrn?“ (9,1). In ähnlicher Weise sagt er im zweiten Brief an die Korinther: „Unser Empfehlungsschreiben seid ihr… Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes“ (3,2-3).

Es verwundert also nicht, wenn Chrysostomus von Paulus als einer „diamantenen Seele“ spricht (Sermones Panegyrici in Solemnitates, 1,8) und fortfährt: „In derselben Weise, wie das Feuer durch weiteres Brennmaterial stärker wird…, so führte das Wort des Paulus alle jene seinem Anliegen zu, mit denen er in eine Beziehung trat, und jene, die ihn anfeindeten – einmal von seinen Reden ergriffen – wurden zur Nahrung dieses geistlichen Feuers (ebd. 7,11). Dies erklärt, warum Paulus die Apostel als „Gottes Mitarbeiter” (1 Kor 3,9; 2 Kor 6,1) bestimmt, dessen Gnade in ihnen wirkt. Ein typisches Element des wahren Apostels, das der heilige Paulus gut ins Licht setzt, ist eine Art der Identifikation zwischen dem Evangelium und dem Evangelisierenden, denen beiden dasselbe Schicksal bestimmt ist. Niemand hat wie Paulus betont, dass die Verkündigung des Kreuzes Christi als ein „empörendes Ärgernis und eine Torheit“ (1 Kor 1,23) erscheint, auf die viele mit Unverständnis und Ablehnung reagieren. Dies geschah zu jener Zeit, und es darf nicht verwundern, dass Gleiches auch heute geschieht. An diesem Schicksal, als „empörendes Ärgernis und Torheit“ zu erscheinen, hat also der Apostel Anteil und Paulus weiß es: das ist die Erfahrung seines Lebens. Den Korinthern schreibt er nicht ohne einen ironischen Unterton: „Ich glaube nämlich, Gott hat uns Apostel auf den letzten Platz gestellt, wie Todgeweihte; denn wir sind zum Schauspiel geworden für die Welt, für Engel und Menschen. Wir stehen als Toren da um Christi willen, ihr dagegen seid kluge Leute in Christus. Wir sind schwach, ihr seid stark; ihr seid angesehen, wir sind verachtet. Bis zur Stunde hungern und dürsten wir, gehen in Lumpen, werden mit Fäusten geschlagen und sind heimatlos. Wir plagen uns ab und arbeiten mit eigenen Händen; wir werden beschimpft und segnen; wir werden verfolgt und halten stand; wir werden geschmäht und trösten. Wir sind sozusagen der Abschaum der Welt geworden, verstoßen von allen bis heute“ (1 Kor 4,9-13). Es ist dies ein Selbstbildnis des apostolischen Lebens des heiligen Paulus: in all diesen Leiden ist die Freude vorwiegend, Überbringer des Segens Gottes und der Gnade des Evangeliums zu sein.

Paulus teilt im Übrigen mit der stoischen Philosophie seiner Zeit die Vorstellung von einer hartnäckigen Standhaftigkeit in allen sich einstellenden Schwierigkeiten; aber er überwindet die rein humanistischen Perspektive und ruft daher das Element der Liebe Gottes und Christi auf den Plan: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 35-39). Dies ist die Gewissheit, die tiefe Freude, die den Apostel Paulus in all diesen Begebenheiten führt: nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen. Und diese Liebe ist die wahre Liebe des menschlichen Lebens.

Wie man sieht, hatte sich der heilige Paulus dem Evangelium mit seinem ganzen Dasein geschenkt; wir könnten sagen den ganzen Tag lang, ohne Unterbrechung! Und er erfüllte seinen Dienst in Treue und Freude, „um auf jeden Fall einige zu retten“ (1 Kor 9,22). Und obwohl er wusste, dass er mit ihnen in einer Vaterbeziehung (vgl. 1 Kor 4,15), wenn nicht gar in einer Mutterbeziehung (Gal 4,19) stand, stellte er sich den Kirchen gegenüber in eine Haltung des restlosen Dienstes und erklärte so in bewundernswerter Weise: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude“ (2 Kor 1,24). Dies bleibt die Sendung aller Apostel Christi zu allen Zeiten: Mitarbeiter an der wahren Freude zu sein.

Aktualisiert ( Montag, 22. September 2008 21:39 )
 
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